Ebensee 73. Internationale Gedenkfeier

Foto von: Zeitgeschichte Museum Ebensee, memorial-ebensee.at

Die 73. Internationale Befreiungsfeier fand am 5.5.2018 unter großer Beteiligung von internationalen Delegationen statt. Neben den Überlebenden Stanley (Zoltan) Bernath und Andrew Sternberg hielten DDr.in Barbara Glück (Mauthausen Memorial) und Dr.in Camilla Brunelli (Aned Italia) Ansprachen. Im Gedenkreferat richtete die österreichische Schriftstellerin und Journalistin Dr.in Susanne Scholl sehr persönliche Worte an die Teilnehmer der Befreiungsfeier. Die Überlebenden Max R. Garcia und Max Safir nahmen ebenfalls an den Feierlichkeiten teil, die von zahlreichen Jugendlichen besucht wurde.

Susanne Scholl hielt eine der Gedenkreden:

Ebensee 5.5.18

Sehr verehrte Festgäste,
Signore e signori,
Madams et monsieurs,
Ladys and gentelmen,
es ist mir eine unglaublich große Ehre, dass ich an diesem Tag hier diese Rede halten darf.
Und es ist mir ein besonderes Bedürfnis.
Mich verbinden mit diesem Ort zwei unterschiedliche Dinge.
Zum ersten – ich habe als ich jung war viele Sommer hier in der Nähe verbracht. Meine Eltern hatten eine Wohnung in Altmünster – man fährt eine knappe halbe Stunde hier her und wir haben die KZ-Gedenkstätte fast jeden Sommer besucht.
Das wiederum hat etwas mit meiner persönlichen Lebensgeschichte zu tun.
Ich bin Jüdin. Meine Eltern haben überlebt, weil sie rechtzeitig nach England entkommen konnten.
Meine vier Großeltern sind von den Nazis ermordet worden.
In Maly Trostinec bei Minsk, in Auschwitz.
Ich habe nicht nur das Trauma der Verfolgung geerbt. Ich habe auch die Verpflichtung geerbt, nie zu vergessen, was Menschen im Stande sind anderen Menschen anzutun. Nie zu vergessen, wie wichtig es ist, zu erinnern. Denn wer vergisst wiederholt!
Wir leben in einer Zeit großer Unruhe, großer Unsicherheit, großer Verzagtheit, großen Unbehagens.
In einer Zeit, in der eine neue Generation von Politikern an die Macht kommt, die das Vergessen zu ihrem politischen Leitfaden ernannt hat.
Weil sie sich nicht erinnern will. Weil das Erinnern sie zwingen würde, die Welt anders als im engen Tunnel ihrer Machtgier zu sehen.
Das lässt mich – und zum Glück viele andere wie mich – nicht ruhen. Es zwingt uns, unsere Verpflichtung wahr zu nehmen, die die Geschichte unserer Familien aber auch die Geschichte aller Menschen uns auferlegt.
Wir dürfen nicht wegschauen.
Wir dürfen heute nicht wegschauen, wenn neuerlich Menschen kategorisiert werden. Wenn man ihnen ihre Menschenwürde abspricht, ihr Menschenrecht auf ein würdiges Leben.
In diesem Land, wie leider in einer Reihe anderer europäischer Staaten geschieht jetzt genau das.  Wir haben ein neues Feindbild gefunden – die Muslime.
Und geben die Schuld an allem, was in der Welt geschieht, diesen Feinden.
So wie wir als Juden einst am Elend der Welt schuld waren sind es heute die Muslime. Auch wenn ich anmerken muss, dass auch die Juden immer noch dazu herhalten müssen, Hass und Neid, Respektlosigkeit und Niedertracht aufzufangen.
Wir stehen hier an einem Ort des Grauens.
An einem Ort, an dem geschehen ist, was nie hätte geschehen dürfen und was nie wieder geschehen darf.
Meine Eltern haben mich in dem Bewusstsein erzogen, dass es nichts Schlimmeres auf der Welt gibt, als Menschen ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben abzusprechen. Und sie haben mir den Auftrag mitgegeben, mich gegen jede Form von Unrecht zu wenden.
Wir, die Menschen meiner Generation, sind heute alt. Und wir nehmen nach und nach den Platz jener ein, die direkt erlebt haben, was Hass und Niedertracht aus den Menschen machen, was es heißt, wenn Menschen ihr Menschsein aberkannt wird.
Wir müssen jetzt die Staffel von ihnen – den Zeitzeugen der ersten Generation – übernehmen und die Erinnerung weitertragen.
Denn wenn ich höre, mit welcher Sprache die heutigen Regierenden über Menschen sprechen, die in ihrer Not an unsere Türen klopfen, dann höre ich die damaligen Machthaber. Dann höre ich jene Menschen, die meine Mutter als Saujüdin beschimpften, als man sie durch Wiens Straßen trieb. Ich höre die belgischen Beamten, die damit drohten, meinen Großvater väterlicherseits aus Belgien zurück nach Nazideutschland abzuschieben.
Wir – die wir hier stehen – im Gedenken, an all jene, die man hier gequält und ermordet hat – wir dürfen nicht zulassen, dass sich wiederholt, was sich nie wiederholen sollte. Wir haben die Pflicht wachsam zu sein und laut zu sagen, was falsch ist. Wir können noch mutig sein. Noch sind wir nicht in Gefahr. Und das müssen wir ausnützen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und verneige mich in tiefem Respekt vor den Toten, an die wir heute hier vor allem gedenken.
Und diesen Respekt – darum bitte ich Sie – sollten wir auch den Lebenden entgegenbringen. Allen Lebenden.